Glockenspiel in ZION

Die Geschichte des Meissner Porzellanglockenspiels im Diakonissenhaus "Zion" in Aue

Es gibt sie an etlichen Orten in Sachsen und auch in Aue befindet sich eines dieser Klangkunstwerke. Fast unscheinbar im Hof, auf dem Turm des Speisesaals. Und es feiert 2015 gleich zwei Jubiläen: das Meissner Porzellanglockenspiel in "Zion".

Vor 25 Jahren wurde es aufgehängt und erklang zum ersten Mal an seinem jetzigen Platz, doch die Geschichte der Glocken begann schon 60 Jahre zuvor.

Es war ein Pfarrer aus dem Vogtland, Arthur Schwartner, der 1955 die 17 Glocken in der Porzellanmanufaktur in Meißen in Auftrag gab. In seiner Kirche in Altensalz bastelte er für diese Glocken eine eigene Spielmechanik aus Drahtseilzügen und setzte die Glocken auf eine Art Schlitten, den er im Turm der Kirche unterbrachte.
Vor und nach dem Gottesdienst und auch bei besonderen Veranstaltungen, fuhr Pfarrer Schwartner den Schlitten auf einer Schiene aus dem Dachstuhl heraus und spielte zur Freude der Kirchenbesucher.
Von Altensalz wurde der Pfarrer nach Adorf versetzt und so zog auch das Glockenspiel aus dem Dach der Altensalzer Kirche hinter den Altar der Adorfer Kirche, denn ein anderer Platz lies sich nicht finden. Auch hier spielte der Pfarrer regelmäßig das Glockenspiel, bis er 1976 in den Ruhestand versetzt wurde. Er musste aus seiner Dienstwohnung ausziehen und für das Glockenspiel, dass er in Kisten verstaut hatte, fand er keinen Platz mehr.
Umso erfreulicher war es für ihn, dass das Diakonissenhaus "Zion" sich für solches Glockenspiel interessierte und so verkaufte er es nach Aue, in der Hoffnung, es würde dort ebenso gute Dienste leisten, wie in seiner Dienstzeit im Vogtland.

Doch es sollte viele Jahre dauern bis der Klang der Porzellanglocken wieder zu hören sein würde.

Mittlerweile war eine von 17 Glocken kaputt gegangen und es musste sich um eine Neuanschaffung bemüht werden. Also nahmen die Verantwortlichen in Aue Kontakt mit der Porzellanmanufaktur in Meißen auf und bestellten eine neue C-Glocke für 80,- DDR-Mark.
Gleichzeitig sollte das neu erworbene Glockenspiel klanglich überprüft werden und wurde zu diesem Zweck im Januar 1977 nach Meißen gebracht. Ein paar Monate bis zum Mai 1977 waren dafür vorgesehen, doch zum Schluss konnte das Glockenpiel erst vollständig im März 1978 wieder nach Aue geholt werden.
Außerdem gab es keine Spielmechanik, geschweige denn einen geeigneten Platz, wo es erklingen konnte. Auf Anfrage an die Porzellanmanufaktur, ob sie denn eine solche Mechanik liefern könnten, gab es nur eine Absage mit dem Verweis auf die Firma Zachariä in Leipzig. Diese Firma gab es aber in der Form gar nicht mehr, sondern die war im VEB Turmuhren Leipzig aufgegangen. Auch eine Anfrage an diese Firma erbrachte nicht das gewünschte Ergebnis. Hier verwies man auf den Fachkräftemangel und auf die Schwierigkeit ein Meissner Porzellanglockenspiel anständig zum Klingen zu bringen. In Wirklichkeit war man wahrscheinlich gar nicht an diesem "kleinen" Auftrag interessiert, da es in Leipzig genug Betätigungsfelder für diese Firma gab.

Die Zeit verstrich und es wurde in verschiedene Richtungen gesucht, sogar in der BRD wurde eine Firma ausfindig gemacht, die sich dem Auer Glockenspiel angenommen hätte. Doch dazu kam es nicht.
Zwischenzeitlich wollte Pfarrer Schwartner das Glockenspiel zurück kaufen, da er unsicher war, ob es in Aue überhaupt jemals aufgehängt werden würde. Doch mittlerweile plante man in "Zion" einen Neubau und dort sollte das Glockenspiel endgültig seinen Platz finden. Aber es war immer noch kein Fachmann gefunden, der diesen Einbau übernehmen konnte. Neun Jahre, 1986, nachdem das Glockenspiel nach Aue kam, fand man endlich einen solchen.
In Meißen übrigens und das ist wohl das kuriose an der ganzen Geschichte, dass man überall suchte, aber nicht einmal die Porzellanmanufaktur gab den Hinweis, dass sich eine Spezialfirma für Glockenspiele direkt vor ihrer Haustüre befand.
So wurde der Diplom-Ingenieur Klaus Ferner aus Meißen für den Auftrag in Aue angefragt und auch gewonnen. Im November 1986 besuchte er mit dem Musikwissenschaftler Dr. Schwarze aus Dresden das Diakonissenhaus und machte eine Akustikprobe. Doch auch die Arbeit mit Herrn Ferner erwies sich als sehr zähflüssig, denn immer wieder vertröstete er die Verantwortlichen und der Fertigungstermin wurde weiter und weiter nach hinten verschoben.
In den Akten liest man, dass dem Herrn Ferner die Kirche nicht sonderlich am Herzen lag und so ist es wahrscheinlich auch zu erklären, dass er seine Priorität auf andere vorhandene Projekte legte. Er stellte ja auch selbst keine Glocken her, sondern kümmerte sich nur um das Drumherum.

An dieser Stelle ist es sicher interessant, einen kurzen Blick auf die Geschichte der Glockenspiele zu werfen. Das erste Glockenspiel wurde 1487 in Aalst in Ostflandern aufgehängt. Allerdings handelte es sich dabei um ein Bronzeglockenspiel. Von dieser Sorte Glockenspiel befindet sich das älteste Deutschlands in nächster Nähe zu Aue, nämlich in Lößnitz. Dort hängen seit 1939 23 Bronzeglocken in der Turmlaterne der St. Johanniskirche.
Das erste Porzellanglockenspiel weltweit wurde 1929 in Meißen mit 37 Glocken auf dem Turm der Frauenkirche installiert. Erste Versuche ein Glockenspiel aus Porzellan herzustellen gab es schon früher. 1737 wurden in Dresden 52 Glocken aufgehängt, die aber nicht klanglich zueinander passten und somit dauerte es noch fast 200 Jahre bis es möglich war, klanglich einwandfreie Glocken herzustellen.
Das Schwierige ist, dass eine solche Porzellanglocke einen Grundton hat, aber immer noch Nebentöne mitklingen. Diese müssen miteinander harmonieren, sonst ergibt es, gerade bei schnellen Tonfolgen, einen einzigen "Brei" aus verschiedenen Tönen, der kein Wohlklang für die Ohren ist.
Das Herstellen von Porzellanglocken, das sogenannte "Glockendrehen" erfordert eine hohe fachliche Kompetenz, denn jeder Arbeitsschritt verändert den Ton einer Glocke. Vom Formen, über das Trocknen und zweifach Brennen, bis hin zum Glasieren muss alles passen, damit die Glocke ihren weichen und vollen Klang erhält. Und deswegen ist es keinesfalls übertrieben auch das Glockenpiel in Aue als Kunstwerk zu bezeichnen.

Doch was nützt ein solcher Schatz, wenn er in Kisten verpackt auf dem Dachboden sein Dasein fristet?
Der Neubau des Speisaals in "Zion" wurde 1987 fertiggestellt, doch es dauerte immer noch bis Mai 1990, dass das Glockenspiel endlich seinen vorgesehenen Platz fand. Immer wieder gab es von Seiten der Firma Klaus Ferner Änderungswünsche und zeitliche Verschiebungen. Nicht zuletzt sollte das Glockenspiel mit einer modernen Spielmechanik ausgestattet werden, die es in der DDR nicht gab, so verschob sich der letzte geplante Fertigstellungstermin vom Mai 1989 auch noch.

Nun hängt es seit 25 Jahren auf dem Turm des Speisesaals und erklingt jeden Tag zur Freude der Zuhörer. Mittlerweile ist nach der Wende noch eine computergesteuerte Spielmechanik eingebaut worden, die es ermöglicht, Lieder zu vorprogrammierten Zeiten abspielen zu lassen.
Für das Glockenspiel wurde eine Menge Geld in die Hand genommen, fast 65000 DDR-Mark.
Doch viel größer ist der Einsatz der Verantwortlichen zu würdigen. Die Oberin und der Verwaltungsleiter, die mit großer Beharrlichkeit und Geduld 13 Jahre lang dieses Projekt, allen Widrigkeiten zum Trotz, verfolgt haben.
Und so erklingen heute die 17 Glocken aus Meissner Porzellan zu Gottes Lob und zur Freude der Menschen, genau wie zum ersten Mal vor 60 Jahren bei Pfarrer Schwartner.

Matthias Wedtstein, Lößnitz

Quelle: Helmut Dämmig "Meißner Porzellanglockenspiele"